Nach dem Drama folgt der Applaus

Tatort: Gymnasium. Ich hielt in der 11. Klasse ein Referat über "Die Räuber" von Schiller. Ein Drama. Also die Literaturform. Das Referat war kein Drama, sondern ganz gut. Ich erinnere mich wie ich den Aufbau eines Dramas an die Tafel malte und meinen Mitschülern erklärte, dass ein Drama in 5 Phasen eingeteilt wird. Am Ende bekam ich vom Lehrer ein Lob und eine gute Note und ich ging mit dem Wissen aus der Klasse, dass ich Dramen nun verstanden habe.

Doch in der Neuzeit lässt sich ein Drama nicht mehr zwingend in diese 5 Phasen einteilen. Es gibt keinen Lektüreschlüssel, um die passende Interpretation für das eigene Drama zu ermitteln, keine Erläuterungen, die bei der Analyse helfen. Reclam hat versagt.

Doch vielleicht ist ja gar nicht alles Drama, was ich denke? 
Laut der Begriffsdefinition ist ein Drama:
1. ein Bühnenstück mit verhängnisvollem Ausgang.
2. bewegendes, verhängnisvolles Geschehen.






















Dramatisiere ich also voreilig und zu schnell, ehe ich den eigentlichen Ausgang kenne? Können wir jemals wirklich den Ausgang kennen, weil das Leben ja doch immer irgendwie weiter geht? Ist das Leben vielleicht gar kein Drama, sondern eine Komödie?

Da ich über den Aufbau der Komödie kein Referat halten musste, bin ich jetzt also völlig blank. "Setzen 6!", würde der Lehrer sicherlich sagen. Also versuche ich es noch einmal mit dem Drama. Analysiere mich um Kopf und Kragen, um die passende Interpretation für mein Leben zu finden. Alle Dramen, die da so einfach in mein Leben kamen und sich oftmals gar nicht mit Spannung aufgebaut haben. Denn Drama im eigenen Leben ist irgendwie eher eine chaotische Katastrophe. Es kommt und geht wie es will, es knallt mal hier und scheppert dort. WUMMSSS - ist wieder etwas passiert, ein kleines Drama ins Leben gepurzelt. Ich stehe auf meiner eigenen Bühne - mit erhobener Faust, die dramatisch wirken soll, erzähle ich, in wie vielen Facetten das Drama gekommen ist. 5 Phasen reichen da gar nicht mehr aus. Ich will dramatisieren, damit die Welt auf mich schaut. Doch dann geht der Vorhang zu und das Bühnenlicht aus - die Welt rückt wieder ins Lot. Ich werfe meine Analyse über Bord und widme mich dem Leben - ob es nun Drama, Komödie oder Tragödie ist. Ich halte inne, weil die Welt gerade schön ist, weil sich gerade keine Literaturform abspielt sondern einfach mein Leben. Mein Leben in vielseitigen Facetten, die alles andere als immer nur ein Drama sind. 


Es hat ein wenig gedauert, ehe ich das Gelernte aus der 11. Klasse verwerfen konnte, ehe ich den Blick geschärft habe, um nicht immer nur das Drama zu sehen. Ganz klar, Drama gehört zum Leben auch mal dazu, aber es sollte nicht das ganze Leben bestimmen. Das Leben hält atemberaubende Momente bereit, man muss es nur selbst in die Hand nehmen.

Schließlich sind wir selbst der Hauptdarsteller auf unserer Bühne - und am Ende gebührt der Applaus uns ganz alleine. 

Läuft in eurem Leben auch hin und wieder ein Drama ab? Und wenn ja, wie geht ihr dagegen vor?

Kommentare:

  1. Was für ein schöner und persönlicher Text! ♥
    Die Analogie zum Leben als (Schau)Spiel ist sogar in einigen kulturwissenschaftlichen und soziologischen Theorien zu finden! :D Die Wissenschaftler würden es vermutlich auch viel leichter finden, wenn das Leben der Menschen, das sie zu beschreiben versuchen, nach festen Schemata abläuft und sie genau sagen könnten, was wann passiert. Wenn man mitten drin ist, ist es oft gar nicht so leicht, genug Abstand zum Geschehen zu finden, um die Dramatik aus einer Situation abzuschwächen.

    Aber ich bin jetzt ein bisschen verwirrt, was das Drama angeht, denn eigentlich dachte ich die ganze Zeit, ein Drama ist die Form eines Textes. Also sowohl Komödie als auch Tragödie sind dramatische Texte, weil sie formal als Bühnenstück konzipiert sind. Und das wäre doch dann irgendwie wieder tröstend, oder? Wenn nicht jedes Drama im Leben tragisch ist, sondern auch mal lustig.

    Einen Applaus kriegst du auf jeden Fall für diesen Text!
    Liebe Grüße
    MelMel

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    1. Ich glaube du hast eigentlich vollkommen recht, wie du die Art beschreibst wie Drama, Komödie und Tragödie zueinander stehen. Da lag dann möglicherweise die 11. Klasse doch zu weit zurück :)
      Aber freue mich dennoch sehr, sehr, sehr, dass dir der Text gefällt.
      Festes Schema wäre tatsächlich oft gut, aber vermutlich wäre das Leben auf Dauer dann auch langweilig, wenn man schon zu Beginn wüsste, wie eine Sache ausgeht.

      Danke für's Lesen und für den Applaus <3 <3

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  2. Ich muss gleich weinen, so wunderschön hast du diesen Text geschrieben! Du wirfst mit fantastischen Passagen nur so um dich, als hättest du nie etwas anderes getan, als über dieses oftmals so verrückte Leben zu schreiben. Wahnsinn ist das! Ich wünsche dir, dass du immer einen klaren Blick hast und das Drama niemals überwiegen möge. Du bist einer der besten Menschen, die ich bisher kennen lernen durfte und diese Gedanken, die du hier teilst, machen mich nur umso froher, dass du meine liebste Freundin bist. Clara

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    1. Danke mein liebstes Herzilein. Es ist so schön, dass wir uns gefunden haben <3

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  3. man könnte sagen, ich habe das drama erfunden :) aber du hast recht. man sollte manchmal aufhören mit der analyse und die dinge annehmen, wie sie sind. das kann auch das drama verkürzen. schön geschrieben und metaphorisch umgesetzt :)

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    1. Komisch, das mein Lehrer in der 11. Klasse gar nichts über die Erfinderin des Dramas berichten konnte :)
      Ja, vermutlich hast du recht und man könnte das oftmals verkürzen, aber ich analysiere doch einfach so gern :)
      Danke fürs Lesen <3

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  4. Wow, was ein anspruchsvoller Text und Inhalt. da könnte man jetzt ne nette gesprächsrunde starten! Ich selbst hab ein bisschen diese "Männer-Ruhe" in mir. Bis es mal zum Drama kommt muss sehr viel passieren. Und auch was das analysieren angeht bin ich meistens eher entspannt. Ob das immer so gut ist? Keine Ahnung! Vielleicht sollte in mein Leben ein bisschen mehr Drama kommen... Danke für Deine persönlichen Worte...!

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    1. Männer-Ruhe-Markus :) Danke für deine lieben Worte. Ich glaube, dass wir im Sommer gemeinsam genug analysiert haben, als wir da beim Parkplatz auf dieser Mauer saßen und die Sonne langsam unterging :)
      Schön, dass es dich gibt <3

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  5. Vor langer langer Zeit hieß mein Blog "my life is an english theatre play"
    Wir nahmen in der Schule ein Stück durch und ich habe mich voll und ganz darin wider gefunden.
    Aber jetzt, irgendwas zwischen fünf und sieben Jahre danach, ist mein Leben noch nicht mal Seifenoper-Dramatisch genug. Und das ist ja eigentlich nichts Schlechtes.

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    1. Oh, das klingt ja spannend. Was war das denn für ein Stück?
      Wenn ich jetzt ehrlich zu mir bin, bin ich mittlerweile auch an einem Punkt angekommen, wo der Alltag Einzug gehalten hat und mein Leben nicht mehr so dramatisch ist. Es ist viel mehr Gondelfahrt als stürmische See. Aber Gedanken über Vergangenes kommen dann doch immer wieder gern zu besuch :)
      Vielen dank fürs Lesen.

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