Die Erschütterung im Innersten

"Stell dich nicht so an, das Leben ist kein Ponyhof." sagte sie und ich wollte ihr glauben. Doch dann sah ich in mich hinein, sah die vielen Trümmer, die da lagen - Kleinere und Größere - die abgebröckelt sind von meinem Innersten. 

In den letzten Tagen habe ich viel nachgedacht über mein Innerstes, über Erfahrungen und wie diese auf mich gewirkt haben. Längst verloren geglaubte Situationen wurden wieder an die Oberfläche befördert und ich habe mir vorgestellt, dass es in einem drinnen wie mit Felsen ist. Es bröckelt hier und da, löst sich - doch bleibt trotz allem ein Teil des Innersten - und das ist auch gar nicht schlimm, denn jede Erfahrung wird immer ein Teil von uns bleiben. Dann und wann, wird all das, das einmal abgebröckelt ist, von anderen Felsen überlagert und verschüttet. Doch ein Steinhaufen ist nicht immer stabil. Es rutsch an den verschiedenen Stellen. Was unten liegt, kann auch schnell wieder nach oben geschoben werden.

Und nun sitze ich also hier und blicke auf die Trümmer, die wieder zutage gefördert wurden - meine Trümmer, die gleichbedeutend sind mit allen Erfahrungen, positiven wie negativen, die immer ein Teil meines Lebens bleiben werden. Denn schließlich habe ich gelernt mit meinen Trümmern und den Ecken und Kanten, den Unebenheiten, die nicht immer stabil und standfest sind, zu leben. Doch heute fällt es mir schwer, weil da plötzlich dieser scharfkantige Stein ist, den ich - wie ich glaubte - längst hinter mir gelassen habe. Es kommt mir vor als würde mich dieser Stein hämisch anlächeln und ich traue mich nicht, ihn zur Seite zur schaffen, aus Angst mich an seinen scharfen Kanten zu schneiden.
Denn daran habe ich mich schon einmal verletzt und nun erscheint es mir so, als würde der Stein nur darauf warten, mir wieder Schaden zuzufügen. Da ich nicht weiß wie ich weiter verfahren soll, was ich nun mit diesem großen Fels anfangen möchte, schleiche ich um ihn herum, begutachte ihn von allen Seiten, wälze Gedanken über das was einmal war und das was heute ist. Er macht mich traurig, wie er da so liegt und seine scharfen Kanten bereiten mir Sorgen. Sorgen darüber, dass die scharfen Kanten mich erneut verletzen können.

Doch ich wende mich ab von dem Stein, denn schließlich hat sich doch vieles geändert. Der Stein wie er da liegt - die Erfahrung die ich gemacht habe - ist zwar immer noch ein Teil meines Lebens, Teil meines Innersten, aber trotz allem nicht mehr mit mir verbunden. Wiedereinmal stelle ich fest, dass nicht alles was abgebröckelt ist auch überwunden und verarbeitet ist. Das in mir drin immer wieder Ängst und Sorgen zutage gefördert werden, die auf schlechten Erfahrungen beruhen.
Doch manchmal ist es hilfreich sein Innerstes nach außen zu kehren, Ängste und Sorgen mit jemandem zu teilen, der einem dabei helfen kann, die scharfkantigen Felsen aus dem Weg zu räumen. Jemand, der helfen kann schlechte Erfahrungen zu überwinden und Ängste zu besiegen. Jemand der zeigt, dass nicht alles schlechte wiederkehrt und dass nicht alle Menschen gleich sind.
Jemand, der nicht weg läuft, weil alles zu viel wird. 


Wie stellt ihr euch euer Innerstes vor? Habt ihr auch manchmal Probleme damit, dass Vergangenes im Gefühl plötzlich so präsent ist?
Was tut ihr gegen Ängste und Sorgen, die auf alten Erfahrungen beruhen?

Kommentare:

  1. Gegen Grübelfallen, ob sie zu Ängsten oder Sorgen oder tief ins Innere führen, hilft mir Achtsamkeit zu üben und mich immer wieder bewusst im Hier und Jetzt zu verankern... Das klappt mal besser, mal schlechter bis gar nicht... aber vielleicht immer ein bisschen öfter��...
    Für mich ist wichtig, nicht zu viel zu graben, zu buddeln, mich zu fragen "Warum?"... das führt meiner Meinung nach nur begrenzt weiter... Gefühle registrieren, annehmen und schauen, was jetzt gerade gut für mich ist, das empfinde ich schon als wichtig... dann aber nicht zu fragen "Was war?" sondern mich zu fragen "Wo will ich hin?"... das kostet Kraft, manchmal sehr viel, aber dann tun sich Wege auf und ich werde wieder handlungsfähig - im Gegensatz dazu, wenn ich nach dem "Warum?" frage, das nur lähmt... Mehr und mehr versuche ich in einer achtsamen Haltung ein "Hin zu" einem bestimmten Zustand zu leben, anstatt mich auf ein "Weg von" zu fokussieren...
    Und mein Leben als Weg, als Entwicklung zu sehen mit allem was dazugehört... Heute habe ich mit meiner 91jährigen Oma telefoniert, die sagte, dass man nie "fertig" wird mit sich in seiner Entwicklung... ��

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    1. Oh du hast wirklich vollkommen Recht mit allem was du schreibst. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es viele Dinge gibt, die man akzeptieren muss und dass es besser ist, sich nicht mit dem Warum immer im Kreis zu drehen.
      Deine Oma hat Recht, ich denke fertig wird man nie :) Aber das ist vielleicht auch gut so :) <3

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  2. Wow, ein toller, sehr persönlicher Text mit ein paar echt passenden bildern... Richtig mutig und intensiv. Man spürt fast wie Du Dich fühlst... Klar, das Gefühl ansich kenn ich auch, viel zu gut. Wichtig ist es immer das geschehene zu verarbeiten indem man sich auch mal fehler eingesteht und versteht warum das Thema sich so anfühlt. ich hab zum Glück immer noch die Möglichkeit, mir solche Fragen slbst zu stellen und mich dann damit auseinanderzusetzen. Unbezahlbar! Ich wünsche Dir das Du Dich nicht schneidest an der Felsenkante. und wenn doch, dann lohnt es sich vielleicht trotzdem...

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    1. Dankeschön <3
      Ich glaube auch, dass eines der wichtigsten Dinge ist, sich bewusst mit den Themen auseinanderzusetzen und diese zu verarbeiten, um weiter zu kommen <3
      Darüber zu schreiben hat mir geholfen alles klarer zu sehen <3

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  3. ich glaube, ich weiß, worum es geht :) und ich finde den text wunderschön. er erinnert mich an metaphern, die ich für solche themen auch sehr gerne brauche. ich kann mir gut vorstellen, was du empfindest und wie es dir damit ging. ich glaube, wir müssen einfach mit gewissen ecken und kanten in uns leben, das ist das leben an sich. manche davon schleifen sich mit der zeit wieder ab und andere bleiben scharf, an ihnen können wir uns vielleicht ein leben lang schneiden. wichtig ist zu wissen, woher sie kommen, wichtig ist, dass wir versuchen, ihnen aus dem weg zu gehen. wichtig ist aber auch, wenn wir uns dennoch erneut daran verletzen, dass wir die wunde versorgen und wieder abheilen lassen. und besonders wichtig ist, dass es menschen gibt, die uns dann trösten. die uns zeigen können, dass es alte steine sind, an denen wir uns verletzen und dass keine neuen dazukommen, die uns dieselben wunden zufügen.

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    1. Du hast vollkommen Recht <3 <3 <3
      Es ist schön dass wir diese Momente miteinander teilen. <3
      Ich denke es ist ganz wichtig, dass man diese Themen (und Steine) bewusst betrachtet und auch realisiert, was alt ist und was gar nicht mehr so schmerzt wie man anfangs dachte. <3

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  4. Ein wirklich sehr schöner Text - vor allem die einleitenden Sätze finde ich richtig griffig, ich bin kurz davor, sie mir in mein Zitate-Sammelbuch zu schreiben :D

    Auch, wenn ich es als sehr bedrückend empfinde, alle Erfahrungen als Trümmer zu betrachten, verdeutlicht deine Metapher hier so gut, was du meinst und erzeugt eine sehr spezielle und düstere Stimmung. Ich denke, scharfe Kanten ist auch genau die richtige Bezeichnung für so manche Erinnerung, vor allem, wenn sie unerwartet wieder an die Oberfläche des Bewusstseins dringt und einen völlig überrumpelt. Manchmal denkt man, die Kanten büßen nichts an ihrer Schärfe ein und dass sie immer wieder auf der gerade frisch vernarbten Stelle rumhacken. Als Königin der Verdränger kenne ich das nur zu gut. Und ich habe genau die gleiche Methode gefunden, wie du: mit einem oder ein paar wenigen richtigen Menschen darüber sprechen. Sie können die Brocken zwar nicht für einen aus dem Weg räumen, aber Kraft geben, um die scharfen Kanten ein bisschen zu glätten. Jedes Mal ein klein wenig mehr.

    Ich stelle mir mein Innerstes meistens wie ein Keks vor :D An deinen Trümmertagen bin ich ein aufgeweichter Teigkloß, der von Pfütze zu Pfütze plumpst und immer matschiger wird. Das klingt bescheuert, aber matschig trifft es einfach am besten :D Und idealerweise kommt dann jemand vorbei und bringt mir tatsächlich einen Keks. Dann geht es meistens wieder besser. Zumindest ein bisschen.

    Alles Liebe für dich! ♥
    MelMel

    PS: Dein neues Layout gefällt mir richtig gut! :)

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    1. Oh ein Teigkloß :) Das klingt fast witzig!
      Ich denke wir brauchen einfach diese Menschen, die uns den Keks reichen, damit wieder alles ein wenig besser ist <3

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  5. Jeder trägt eine Last in Sicht - denke ich. Mit dem Alter wächst dieser Haufen, oder dieser Bereich wird größer. Es tut gut, wenn man etwas davon aufarbeiten oder abarbeiten kann. Wenn sich eine Sache von selbst erledigt und man hart an dieser inneren Last arbeiten muss. Unser Leben ist im stetigen Wandel - mal in die gute Richtung, mal direkt in das Dunkle...

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    1. Du hast völlig recht liebe Daniela, danke für die treffenden und unterstreichenden Worte <3

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